Sagen und Geschichten  unserer Bergstadt Annaberg

 

Der Traum des Daniel Knappe

 

Als noch dichte Waldungen den Bielberg und seine Nachbarn bedeckten, lebte im Dorfe Frohnau ein Bergmann,Daniel Knappe, fromm und brav, aber sehr arm. Er hatte sieben Kinder und ein krankes Weib in seiner Hütte. Er wußte nicht, wie seine Not enden sollte, und war nahe daran, an der göttlichen Hilfe zu zweifeln. Da erschien ihm im Traum ein Engel und sprach zu ihm: »Gehe morgen in den Wald! Am Fuße des Schreckenberges ragt eine Tanne hoch über alle Bäume des Waldes hervor. In ihren Ästen wirst du ein Nest mit goldenen Eiern finden. Dies ist dein, gebrauche es wohl!
Als Daniel am anderen Morgen erwachte, erinnerte er sich des Traums und ging hinaus in den Wald. Er wollte das Nest mit den goldenen Eiern ausnehmen. Bald hatte er auch die bezeichnete Tanne in der Nähe der Wolfshöhle gefunden und kletterte rasch in ihren Ästen bis in den höchsten Wipfel hinauf. Aber er fand nichts. Traurig, daß ihn der Traum getäuscht hatte, stieg er wieder herab und setzte sich auf die Wurzeln des Baumes. Er sann hin und her. Dabei fiel ihm ein, daß mit den Zweigen wohl auch die Wurzeln der Tanne gemeint sein könnten. Die Vermutung wurde bald zum festen Glauben. Eilig lief er heim und holte aus seiner Hütte das Gezäh zum Schürfen. Eifrig begann er den Schürf. Kaum hatte er die Dammerde durchbrochen, als ihm mächtige, nach allen Seiten streichende Silbergänge entgegenblinkten. Er sank auf die Knie und dankte Gott.  Bald war die Kunde von dem neu entdeckten Bergreichtum in allen Landen verbreitet. Tausende zogen herzu, um sich in der bisher so wilden Gegend anzusiedeln. Dies ver- anlaßte Herzog Georg den Bärtigen, eine neue Bergstadt zu gründen. Am 21. September 1496 wurde der Grundstein zu dem ersten Haus gelegt. Die neue Stadt hieß Neustadt am Schreckenberg. Später wurde sie jedoch in Annaberg umbenannt. Zum Andenken an Daniel Knappe aber wurden die Bergleute im allgemeinen Knappen und ihre Gemeinschaft wurde die Knappschaft genannt.

Der Frohnleichnams-Stolln bei Annaberg

Der Bergmann Caspar Nitzelt aus dem Walddorfe Frohnau am Fuße des Schreckenberges ging am Abend vor dem Fron­leichnamsfeste des Jahres 1495 nach dem nahen Bache, um sich für das bevorstehende Fest ein Gericht Fische zu fangen. Er wollte das Wasser etwas trübe machen und stocherte mit einem Stock am Rande des Baches unter dem Wasser.      Da­durch fiel plötzlich ein Stückchen vom Uferrand herab und entblößte eine Bergart von grünlicher Farbe,dem Gänsekote gleich.Dem geübten Kennerauge Nitzelts fiel diese Bergart auf. Er nahm etwas davon in die Hand. Da er bemerkte, daß sie schwerer als anderes Erdreich war, trug er davon eine kleine Menge heim und ließ sie in Geyer probieren. Daselbst fand man, daß diese Gangart zwei Lot fein Silber enthielt.Nun mutete Nitzelt den Gang und gab ihm den Namen Fronleichnams-Stolln. Derselbe ergab bis zu seinem Erliegen die große Summe von 400 000 Güldengroschen (Speziesta­lern) Ausbeute.Als kurz darauf weitere Entdeckungen am Schreckenberge und auch am Schottenberge gemacht wurden, strömten im­mer mehr Menschen herzu. Das Dorf Frohnau soll sie nun nicht mehr haben fassen können. Darum sei die Gründung einer neuen Bergstadt beschlossen worden, zu der am 21. Sep­tember 1496 der Grundstein gelegt wurde. Fünf Jahre hin­durch hat sie den Namen Neustadt am Schreckenberg ge­führt, bis dieser Name im Jahre 1501 in den Namen Anna­berg verwandelt wurde, den diese Stadt auch heutigen Tages noch trägt.

 

Silberfund im HimmlichHeer

Zu Beginn des Bergbaus hatte man mit geringem Kosten­aufwand nur Erzgänge ausgebeutet, die dicht unter der seichten Erdschicht lagerten und hier und da auch gar zutage ausgingen. Mit der Zeit mußte aber solcher Raubbau ein Ende nehmen, da auf diese Weise das Revier bald abgesucht war.Diese Zeit war bereits gekommen, als Kaspar Kürschner versuchte, sein Glück zu machen. Da war man bereits aus­schließlich auf den Tiefbau angewiesen. Dieser allein erfor­derte nicht nur größere Betriebskosten, sondern auch viel Fachkenntnis. Der junge Fundgrübner hatte jedoch einen kühnen Wagemut. Er verbaute mit sorglosem Vertrauen auf künftige Ausbeute alles, was er besaß.Im Jahr 1536 waren für das Himmlisch Heer  so hatte man hoffnungsfroh das neue Berggebäude benannt - aber­mals beträchtliche Opfer erforderlich. Da war Kürschner in einer gar schlimmen Lage. All sein Vermögen war verbaut. Dazu auch all das viele erborgte Geld, das man ihm ehemals sorglos anvertraut hatte. Nirgends konnte er ein neues Dar­lehen erhalten.Er war bereits so verschuldet, daß ihn die Gläubiger aus seinem stattlichen Hause drängen wollten. Er ließ auch die­ses fahren, nur um die Berganteile zu retten. Aber auch sie mußten verfallen, wenn er erneute Ansprüche nicht erfüllen konnte. Zum Schaden kam noch der Spott.Wie es um das Himmlisch Heer so schlecht stand, daß man dem Verzagen nahe war, hatte ein dort beschäftigter Bergmamm einen merkwürdigen Traum. Als er eines Tages in der Kaue,, die das Schachtloch deckte, vor beginnender Schicht etwas schlummerte, war es ihm, als strahle die Decke des Ganges, in dem er arbeitete, von purem Silber. Solch einen geheimnisvollen Wink haben die Bergleute selten unbeach­tet gelassen. Frohgemut brach er in das Hangende hinaus - und siehe da: Der Traum wurde Wirklichkeit. Alsbald war ein Gang erschlossen, der gewachsen Silber und kostbares Glaserz in so erstaunlicher Menge barg, wie es nie zuvor ge­sehen worden war.Nun kam frohes Leben in das Getriebe. Bald waren alle Zubußen zurückerstattet, und bei der Rechnung Luciä (Ad­ventrechnung) desselben Jahres entfielen bereits als erste Ausbeute 70 Rheinische Gulden auf einen Kux. Auch an­derwärts gab es bald danach gute Anbrüche. Der Annaberger Bergbau zeigte plötzlich eine zweite Blüte, die die erste bei weitem übertraf.

 

Die Kapelle zu Frohnau

Im Jahre 1502 kam ein angesehener, würdiger  Mann namens Lorenz Pflock nach Annaberg. Seine Frau folgte ihm   nach  kurzer Zeit auf einem Wagen. Als sie etwas über das Dorf Frohnau hinaus war, kam es ihr vor, als ob in dieser Gegend die Erde erschüttert werde.  Nicht lange darauf legte ihr Mann an   diesem Orte ein Bergwerk an, das überreiche Ausbeute gab. Mitten im Dorfe jedoch ließ er aus Dankbarkeit eine Kapelle mit einem kost­baren Altar erbauen.

Die Hungerfichte auf dem mittleren Friedhofe zu Annaberg

Auf dem mittleren Friedhofe zu Annaberg erhob sich eine Fichte von ziemlichem Umfang und stattlicher Höhe. Über  sie erzählt man folgendes: In einem Häuschen in der Nähe des Letzten Hellers bei Frohnau wohnte während der großen Hungersnot von 1771 und 1772 die arme Bergmannsfamilie Hänel. An der Seuche, die diese Hungersnot begleitete, starb die Mutter. Da kein Geld vorhanden war, um die Bestattungskosten zu bezahlen, fuhr der Sohn die Leiche auf einem Schubkarren auf den Friedhof. Daselbst begrub er sie mit Hilfe des Totengräbers Rentsch in geweihter Erde. Um das Grab zu kennzeichnen, pflanzten beide eine junge Fichte auf dasselbe. Diese ent­wickelte sich zu einem prächtigen Baume und ward vom Volke Hungerfichte genannt. Die Familie zog später nach Frohnau, und die Nachkom­men lebten noch viele Jahre danach als Posamentierer in An­naberg. Das alte Häuschen beim Letzten Heller blieb unbe­wohnt. Es verfiel und ist bis auf den letzten Stein verschwun­den.

De Annaberger Sperrgusch

In der Frohnauer Gasse zu Annaberg zierte in früheren Jah­ren ein besonderes Wahrzeichen der Vordergiebel eines klei­nen Häuschens. Weder seine augenfällige Größe noch eine außergewöhnliche künstlerische Schönheit erhoben es zu einer Sehenswürdigkeit. Das Merkwürdige an ihm ist viel­mehr die Überlieferung, die an die Entstehung desselben ge­bunden ist: In alter Zeit lebte in diesem Häuschen eine Familie, die sich rechtschaffen vom Bergbau ernährte, dem der Hausvater emsig nachging. Das Häuschen machte sowohl außen als auch innen den Eindruck eines bescheidenen Wohlstandes. Auch die Kinder wuchsen sorgsam erzogen zur Freude der Eltern heran.Nicht so erfreulich stand es dagegen um das gegenüberlie­gende Hauswesen eines Schmiedes. Wenn dieser, von der Ar­beit aufschauend, das Haus des Bergmanns und dessen glück­liche Familie sah, wuchs der Neid und fraß sich immer tiefer in sein Herz. Bald verließ ihn auch die Lust zur Arbeit. An­statt das Eisen im Feuer zu erhitzen, erhitzte sich der arme Tor am Inhalt einer im Winkel verborgen gehaltenen Flasche. Doch das brachte der Schmiede keinen Segen und ihrem Mei­ster nicht die Erleichterung, die er suchte. Je seltener das Schmiedefeuer loderte, desto häufiger und empfindlicher machte sich der Mangel im Hause bemerkbar. Bald gab es für den lässigen Schmied gar keine Arbeit mehr. Nur an Schulden und Sorgen fehlte es nicht. Nach langer Qual kam dem Schmied ein befreiender Gedanke: Ob ihm nicht der benachbarte Bergmann helfen könnte, wenn er sich vertrauensvoll an ihn wenden würde? So klopfte eines Tages der ernüchterte Schmied hilfesu­chend bei dem Bergmann an. Dieser hörte ihm aufmerksam zu. Schließlich holte er eine kleine Truhe hervor und zählte dem Schmied die Summe vor, um die dieser gebeten hatte. Des Schmiedes Augen leuchteten freudig auf, und dankbar drückte er dem Bergmann die Hand. Bald stellte sich auch wieder Kundschaft in der Schmiede ein, und allmählich schwand die Not aus dem Hause des Schmiedes. Aber eines trüben Tages vergaß sich der Schmied doch wieder dermaßen, daß er voller Unmut auf das Haus des Bergmanns blickte. Dabei kam ihm der argwöhnische Gedanke, daß man gar von dort herüberschauen und die Ham­merschläge zählen möge. Nun war es mit der Arbeitslust gänzlich aus. In der Schmiede hielt wieder die Flasche Einzug und im Gefolge davon im Hause die Not.Der Bergmann, der dies bemerkte, versuchte Einhalt zu gebieten. Aber seine Bemühungen waren umsonst. Schließlich wurden sie mit Schmähungen und Lästerungen belohnt. Weh­mütig gab er daraufhin seine Versuche auf. Der Schmied, über diesen Erfolg erfreut, kannte von Stund an kein anderes Vergnügen, als sich zu berauschen. Auch öffentlich wiederholte er den Schimpf, den er dem Bergmann schon angetan hatte. Dabei dachte er sich immer neue Schmähungen aus. Bald raunte man sich diese in der Stadt von Ohr zu Ohr. So brachte der Schmied den Bergmann nach und nach in üble Nachrede. Trotz richterlicher Verfügung, um die der Bergmann nach­gesucht hatte, griff die üble Nachrede immer weiter um sich. Seinem schlichten, biederen Wesen traute man plötzlich nicht mehr. Daß sein Wohlstand lediglich die Frucht ehrlicher Ar­beit und sparsamer Haushaltung sei, bezweifelte man immer stärker. Wie käme es denn, so grübelten viele, daß gerade er von der Ungunst des Bergbaus nicht berührt zu werden scheint. Schließlich erzählte man sich sogar, daß in dem Hause des Bergmanns nicht alles mit rechten Dingen zugehe. Ein geisterhaftes Wesen gehe dort um. Der Schmied habe den Kobold oftmals ganz deutlich in finsterer Mitternacht kommen und gehen sehen. Seine Gestalt sei die eines feurigen Drachens. Als Einschlupftor diene ihm der Schornstein des Hauses. Nun war allen, die das Gerücht kannten, klar, wo­her der Reichtum des Bergmanns stammte. Es währte nun nicht mehr lange, bis man die unheimliche Beschuldigung zur öffentlichen Anklage erhob. Eines Tages holte der Stadtknecht den Bergmann vor den Richter, damit er sich wegen des Verdachtes der Hexerei verantworte. Viele Zeugen wurden in dem Prozess gehört, doch wusste keiner etwas Glaubwürdiges auszusagen. Der Schmied wurde alsbald als alleinige Quelle des Gerüchts erkannt. Als er sich immer mehr in Widersprüche verwickelte, gab er end­lich zu, dass seine Angaben möglicherweise auf Täuschungen beruhen könnten. Als der Richter immer weiter in ihn drang, legte er endlich ein offenes Geständnis ab. Der Bergmann wurde daraufhin sofort aus seiner Haft und von der üblen Nachrede ehrenvoll befreit. Nun harrte des Verleumders wohlverdiente Strafe. Der Bergmann aber, der mit dessen Familie Mitleid hatte, bat für ihn, dass sie erlassen würde. Der Schmied versprach, sich zu bessern, und hielt diesmal auch sein Wort. Um seiner Dankbarkeit auch äußeren Ausdruck zu geben, brachte der Schmied gar manche Stunde bei der Herstellung eines eigenartigen Geschenks zu. Als es endlich fertig war, überreichte er es dem Bergmann mit der Bitte, dass er es als Zeichen des Friedens in oder an seinem Hause zu Nutz und Frommen aller, die ein- und ausgingen, anbringen möge.Es war ein Schnitzwerk, das einen Kopf mit aufgesperr­tem, die Zunge weit vorstreckendem Munde zeigte. Darunter stand:  Habt Eure Zunge wohl in acht, Dass sie nicht Schaden und Schande macht! Ein' lüstern Zung', die macht Euch arm, Hin' falsche Zung dass Gott erbarm! Der Bergmann freute sich gewaltig über dieses Geschenk und brachte es als Zierwerk am vorderen Giebelfeld seines Hauses an. Der Eindruck, den es auf die Umwelt gemacht hat, soll außerordentlich lebhaft und nachhaltig gewesen sein. Die Sperrgusche, wie das Bild bald genannt wurde, erlangte große Berühmtheit.